Archiv

Ein Viertel ist um!

November

 Morgens 5.45Uhr, mein Wecker klingelt, ich will nicht aufstehen, muss aber, denn ich weiß nicht, wer die Nachtschicht hatte. Bei einer Frau kann ich mir zehn Minuten Verspätung leisten, bei der anderen Frau sind schon wenige Sekunden fatal. Ich komme an und sehe, dass heute zehn Minuten Verspätung möglich wären - egal - die erste halbe Stunde verbringe ich ehe damit, einen Kaffee zu trinken und mit einer Arbeiterin und Jael, einer israelischen Kriegsdienstverweigerin, über belanglose Themen zu sprechen.

Dann mache ich die Member wach und gehe mit ihnen ins Badezimmer. Längst ist alles Routine, aber man versucht halt auch, was zu ändern. Einen Member motiviere ich, jeden Tag Wasser in die Becher laufen zu lassen, wenn ich ankomme und er schon wartet - ich habe es noch nicht geschafft, aber der Erfolg ist absehbar. Ein weiterer Member, Udi, ein sehr fitter Member, kommt und ich frage ihn standardmäßig, wie ich heiße. Bis jetzt hat er es noch nicht wirklich geschafft, wohl mit leisem Vorsagen. Also "ma schmie Udi?" (Wie heiße ich Udi?) Antwort: Jimmi! Erneut frage ich. Antwort: Mayo. Und erneut. Ich sage nichts und Udi überlegt, was mich schon freut. Doch dann, nachdem ich ihn eine Minute lang böse angeguckt habe: Chr ... Chrissi. Haleluja, was für ein Erfolg. Alle Member in unserem Haus, die einigermaßen sprechen können, kennen jetzt meinen Namen. Dann kommt Kobi, blind, klein und prollig. Kobi hat seine Macken. Sobald Jael in der Nähe ist, ist für ihn alles drumherum, bis auf Jael, Luft. Am Tag sagt er Jaels Namen gute 100 Mal. Doch Jael ist gerade nicht da und Kobi schreit: Chris!. Ich mach ein paar Spielchen mit Kobi und Kobi hilft mir im Gegenzug, schnell durchs Waschzimmer zu wischen, wobei seine Unterstüzung mehr Zeit kostet als einbringt. Dann verspricht mir Kobi, später nach dem Mittagessen mit mir zur GroßKürche zu gehen und nicht mit Jael. Hui! Das hat schon was zu bedeuten. Schließlich hole ich Ran, meinen Lieblingsmeber, mit dem ich esse, mit dem ich im Workshop "arbeite" und dem ich die Windeln wechsle. Ran kann nicht sprechen, kann seine Laune aber sehr gut durch verschiedene Geräusche wiedergeben. Bei der Arbeit bin ich immer Hand in Hand mit Ran vorzufinden, weil er ansonsten zu langsam ist und dumme Aktion bringt. Ich habe Ran wohl zu sehr in mein Herz eingeschlossen, denn wie Kobi nur Augen auf Jael hat, habe ich sie auf Ran. Ran ist wirklich schwerbehindert, was ein Gendefekt verschuldet. Der Tag mit Ran ist einfach zu schwer zu beschreiben, also lass ich es hier weg.

                                                                                     Jetzt ein Sprung zum Mittagessen. Ran ist sauer, weil ich ihn zu langsam essen lasse. Obwohl er noch ein bisschen auf dem Teller liegen hat, greift er in die Schüssel und isst mit seinen Händen was er rausholt. Fatal für ihn. Ich shicke ihn weg, ohne das er was zutrinken bekommt. Erst läuft er im Raum noch hin und her, dann packt er sich ein Handtuch, nimmt es in den Mund und geht weg. Dann wiederum Zähneputzen, ohne Ran, ud jetzt bring ich das Geschirr zurück in die Großküche. Die Frage: Hält Kobi, was er versprochen hat? Bloß Jael ist im Raum und Kobi hat Jaels Namen durchgehend im Mund. Antwort: Nein, Kobi will nicht. Nur er und Jael sollen in die Küche gehen. Typisch Kobi. Doch Jael muss gehn und ich sage, wenn Kobi sich entschuldige, dürfe er dennoch mit. Für Kobi keine schlimme Sache. Ein weiteres Lieblingswort nach "Jael" ist nämlich "ßlicha"("Entschuldigung". Nun haben wir wieder viel Spaß und den Rückweg lass ich Kobi ganz alleine, mit einem Karren voll Gemüse, Obst und Brot fahren. Ich sage lediglich "links, rechts oder geradeaus", denn Kobi ist ja blind. Der Prollo schaffts, bloß Jael konnte es nicht sehen. Jetzt bevor die Arbeit endet, suche ich noch Ran, um ihn die Zähne zu putzen. In seinem Zimmer ist er nicht, dafür liegt er in einem Nebenraum und kaut auf ein Handtuch rum. Ich lege mich nieder zu ihm und merke, dass er glücklich ist. Ich antworte ihm in der Sprache, die er mit mir spricht und wir sind beide glücklich. Der Tag ist vorbei.

 Was habe ich an meinen Wochenenden gemacht? Jetzt, wo es allmählich kälter wurde, verlor ich auch die Lust, jede Woche etwas zu unternehmen. Uns Neune ging es allen so.

Am ersten Novemberwochenende fuhren wir zu siebt nach Jerusalem auf eine Wg-Fete deutscher Volos. War gut, aber nicht unvergesslich. Ich erfuhr, dass auf einen Treffen der deutschen Botschaft in Tel Aviv, wo wir eingeladen waren, Lothar Matthäus kam und für jeden zugänglich war. Wir waren aber nicht da, und ich hatte einen Grund mich zu ärgern. Am nächsten Tag fuhren wir zum ersten Mal ins Westjordanland nach Bethlehem. Der Ausflug gefiel mir einiges besser als die Fete.                           

Zwei Tage später konnte ich mit Franz und David zu einem dreitägigen Seminar in einem Kibbutz nahe Haifa gehen. Dort hörten wir uns mit 20 weiteren deutschen Volontären Vorträge über Jugend- und Sozialarbeit in Israel an. Das Seminar war nicht zu unterhaltsam, aber die neuen Leute und Aktivitäten schon. So waren unsere Zimmer direkt an einem Traumstrand gelegen, mit 30 Grad Anfang November gab es noch einmal wunderbares Wetter und für den Notfall hatten wir Fernseher. Also konnte ich morgens um sechs aufstehen, die US-Präsidentschaftswahlen verfolgen und danach um sieben traf ich mich beide Male mit Volos zum Fussball am Strand, obwohl vom Abend vorher noch gut was drin war.                                         

An dem richtigen Wochenende blieben wir dann größtenteil zuhause und ich machte lieber Überstunden und hörte Bundesliga.                                                                              

In Beit Uri konnte ich nun zum ersten Mal mit meinen Membern schwimmen gehen, sprich zusätzliche Überstunden. Überstunden sind freie Tage, also haben Pascal und Ich ebenfalls beschlossen, wöchentlich zweimal mit fitten Membern Basketball auf unserer Superanlage zu spielen.                                        

Dann kam Tel Aviv,die Party-Stadt und nur Benne und Ich. Aber nein, wir wollten zunächst mal Kultur erleben und besuchten das Tel Aviv Museum for Arts, einen großen Flohmarkt in Jaffa und liefen durch die Stadt. Wir setzten uns lediglich am Strand und erzählten lustige Alltagsgeschichten. Am nächsten Tag gingen wir noch in James Bond und verließen Tel-Aviv.                          

Die Party sollte zwei Wochen später kommen, nachdem Franz und Ich ein Wochenende vorher vergeblich versuchten, von Netanya ins Westjordanland zu reisen. Ohne Drang und Lust gaben wir auf und gingen zurück nach Afula.                            

Wie gesagt, es folgte wieder Tel Aviv. Wir kamen abends an, sind in einem Club geschleust worden, haben bis sechst durchgefeiert und uns dann am Strand mitten in Tel Aviv zum Schlafen gelegt. Als wir wach waren, war es drei und haben die restliche Zeit wieder für James Bond investiert. So, dieses We solls nach Jerusalem(YadvaShem) und ein Tag nach Ramallah ins Westjordanland gehen.

Das passt. Ich bin fertig und höre diesen Namen, den ich mir täglich 100 Mal anhören muss. Kobi läuft gerade mit einem Arbeiter an unserem Haus vorbei und schreit "Yael". Ich gehe raus und schreie zurück "Yael".  Kobis Antwort: "Jael","Jael". Ich lache und Kobi muss auch lachen.

4.12.08 16:25, kommentieren

Powered by 20six / MyBlog
Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung